Wieseck ist einer der ältesten und heute größten Stadtteile von Gießen. Der Ort wurde bereits 775 im Lorscher Codex erwähnt und ist damit sogar älter als Gießen selbst. Über Jahrhunderte war Wieseck ein selbstständiges Pfarrdorf und kam erst 1939 zur Stadt Gießen. Wie in vielen Dörfern lag die letzte Ruhestätte ursprünglich rund um die Kirche, deren Geschichte eng mit dem Ort verbunden ist.
Das Zentrum dieser alten Bestattungstradition bildet die Michaelskirche, eine der ältesten Kirchen der gesamten Region. Bereits 778 wird an dieser Stelle eine Eigenkirche erwähnt, die der iro-schottische Abt Beatus von Honau seinem Kloster übertrug. Die heutige Kirche steht wahrscheinlich auf den Fundamenten dieses frühen Sakralbaus. Ihr steinerner Ostturm entstand gegen Ende des 13. Jahrhunderts, das Chorgewölbe gegen Ende des 15. Jahrhunderts. Ein Großbrand im Jahr 1646, bei dem nur drei Wohnhäuser unversehrt blieben, gehört zu den einschneidenden Ereignissen der Ortsgeschichte.
Der heutige Friedhof an der Alten Busecker Straße bewahrt zugleich ein besonderes Stück Erinnerungskultur. In einem eigenen Bereich erinnern 42 Grabsteine an die jüdische Bevölkerung von Wieseck, die einst fester Teil der Dorfgemeinschaft war und in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurde. Die Pflege dieses Gedenkens wird bis heute aktiv gelebt, unter anderem durch die örtliche Kirchengemeinde. So verbindet der Friedhof die jahrhundertealte Bestattungstradition des Ortes mit einem wachen Gedenken an seine Geschichte und bleibt ein würdiger Ort der Erinnerung für die gewachsene Gemeinde.